Gedichte/Texte

 

 

„In der Therapie (lies: Arbeiten an unserem Wachstum) geht es darum, uns
selbst zurück zu gewinnen. Wieder selbst über die wertvollen Eigenschaften
in uns verfügen zu können, von denen wir entfremdet waren. Anteile der
fremden Außenwelt, die uns schwer im Magen lagen, wieder los zu werden.
Deutlich erkennen zu können, wie wir es fertig brachten, (und wieviel
Energie wir daran verschwendeten), keine Augen, keine Ohren, keine Kraft,
keine Autorität, keinen Penis, kein Selbstvertrauen, keine Tränen zu haben.“

Bruno - Paul de Roeck, Gras unter meinen Füßen, S. 60

   
 

 

„Und da sitzen wir alle schweigend im Dunkeln und überlegen, was inipi
bedeutet. Man macht die Augen zu und lauscht dem Zischen des eisigen Wassers
auf den heißen Steinen, lauscht, was sie einem zu erzählen haben - ein
kleiner Funke, der die Gedanken entzündet. [...] Die Hitze und die Kraft der
Erde treffen dich voll. Du atmest es ein, füllst dich damit an. Die Kraft
dringt in dich ein, heilt dich.
John Fire Lame Deer, Tahca Ushte Medizinmann der Sioux, S. 197f

 

 

 

„ [...] Der Mond ist eine Handtrommel, die am Himmel hängt. Sie hängt da in
solchen Nächten [...] für immer erhellt von den Geistern der Menschen, die
auf der Suche nach Magie zum Himmel aufschauen. Die Träumer. Die Gläubigen.
Diejenigen, die wissen, dass die Macht in den Dingen lebt, die wir sehen und
hören und über die wir nachdenken. Diejenigen, die kommen und in dem Land
nach Geschichten suchen. Lehren. Nach den Zeichen derer, die vor ihnen da
waren. Die Zeichen, die den Weg markieren, dem wir alle folgen sollen. Der
Weg des Herzens. [...] Der Weg der Menschen. Der rote Weg.
In dem Leben, das ich früher gelebt habe, haben sie mir beigebracht, es gebe
nur vier Richtungen. Nord, Süd, Ost und West. Aber sie haben sich geirrt.
Der rote Weg hat sieben Richtungen und ein Mensch muß lernen in alle sieben
zu reisen, wenn seine Reise glücklich verlaufen soll [...]. Alle sieben. Die
Sieben macht den Kreis. Die ganze Reise. Den ganzen Menschen. Bei uns [den
Indianern] gibt´s die vier Richtungen, die ich eben schon erwähnt habe, aber
es gibt auch noch die anderen drei, die den Weg so beschwerlich machen.
Diese drei sind aufwärts und abwärts und ... nach innen.
Die Alten sagen, es gibt für jede der sieben Richtungen ein Feuer. Wenn die
Reisenden bei diesem Feuer ankommen, setzen sie sich dort hin. Wärmen sich.
Ruhen aus. Denken über ihre Reise nach. Versammeln sich dort bei den Alten,
die ewig an diesem Feuer sitzen und auf diejenigen warten, die sich
verlaufen haben, die einsam sind und sich fürchten.
Wenn du in jede dieser Richtungen reist, lernst du mehr zu sehen, zu hören
und zu fühlen. Setz dich an jedes dieser Feuer und sammle deine Kraft.
Osten ist der Ort, des Lichts, wo die Sonne herkommt. Wenn du den Weg gehst,
lernst du, was Erleuchtung ist. Die Anfänge des Wissens.
Süden ist der Ort der Unschuld und des Vertrauens. Wer nach Süden reist,
lernt die Lehren mit offenem Herzen und offenen Ohren zu hören.
Westen ist der Ort, wo man in sich hinein blickt. Wo man seine Gefühle
erkundet. Wächst.
Norden ist der Ort der Weisheit. Da rastest du. Du siehst den Weg zurück,
den du gekommen bist, und erkennst, die Lektionen, die Lehren. Denkst
darüber nach.
Und das Aufwärts und das Abwärts ist die Bewegung des Lebens. Die
alltäglichen Dinge, in die wir uns so oft verstricken. Die Dinge, die uns
vergessen lassen, wie weit wir schon gereist sind. Die Dinge, die wir vom
Atmen gelernt haben. Die Lehren, die in unserer freien Entscheidungsgewalt
liegen und die wir unterwegs nach und nach finden. Dort praktizieren wir die
Weisheit, die wir auf der Reise in die ersten vier Richtungen erlangt haben.
In diesem Auf und Ab. Und das letzte Feuer, das letzte Reiseziel auf diesem
roten Weg, ist im Innern. Der Ort der Wahrheit. Das wärmste Feuer. Das
Feuer, das die Dunkelheit zurück drängt. Dort versammelst du dich mit all
den anderen, die diese Reise auch gemacht haben, [...].
Und als ich da in dieser Nacht unter dem Mond saß, wußte ich zum ersten Mal,
was es bedeutete. Die starke Sache war am siebten Feuer zu sitzen. Das
Feuer, das mit deiner eigenen Wahrheit brennt. Den Scheiten und Zweigen, die
Du unterwegs auf dem roten Weg aufgelesen hast. [...]“
Richard Wagamese, Hüter der Trommel, S. 379ff

 

 

 

„Das Schwitzzelt ist ein heiliger Ort. Wir nennen ihn zwar nicht Kirche,
aber wir beten, denken und verhalten uns, als wären wir in einer Kirche.
[...] In einem Schwitzzelt spielen Gebete eine wichtige Rolle. Nicht nur der
Körper wird hier gereinigt, sondern auch die Seele. Als würden wir hier neu
geboren, löschen wir die Fehler, die Schmerzen und Enttäuschungen der
Vergangenheit; wir schwemmen sie aus, damit wir anschließend neu beginnen
können. [...] Wenn ich eine Schwitzzeremonie durchführe, bitte ich die
Leute, sich mit den Gebeten kurz zu fassen, denn Ihr müßt diese Gebete
mitnehmen, wenn ihr das Zelt verlaßt. Wenn sie zu lang sind, könnten sie
irgendwo hängenbleiben und dann stolpert ihr über eure eigenen Gebete. Macht
sie so kurz, dass ihr euch noch erinnert, wofür ihr gebetet habt. Dann
unterstützt diese Gebete durch eure Lebensweise außerhalb des Zeltes, und
alles wird in Ordnung kommen.“
Bear Heart, Der Wind ist meine Mutter S. 225ff